DER ZWANG ZUR TAT
Diesen Spannring des kollektiven Unbewussten, des sich immer Wiederkehrenden, galt es zu lösen, ohne Explosion, ohne Diktat.
Eine „klassenlose“ Sowjetgesellschaft, welche sich straff organisierte und durch die eingeschworene „Avantgarde-Partei“* sich einer ständig währenden „Revolution“ gegen den „Staatsfeind“, den Westen, den Kapitalismus, verschrieben hatte, war gescheitert.
Die Implosion der Staatsdoktrin des Marxismus-Leninismus war durch die Kraft der äußeren Realität nicht mehr zu vermeiden. So fiel der „Eiserne Vorhang“* am Endpunkt der neunzehnhundertachtziger Jahre, doch die gedanklichen Implantate der systemischen Gesamtverwaltung wirkten und wirken bis heute als Form von zwanghaftem „Über-Ich“*, welches das „alte“ Denken nicht ablegen darf, um sein eigenes, stählernes, kollektives Selbstbild nicht zu verleugnen und zu verlieren!
Der Verlust an Deutungshoheit, Kompetenzgefühl und moralischer Überlegenheit, den sich sozialistische Machtstrukturen nicht leisten dürfen, kämen einer KRÄNKUNG gleich, welche sich wiederum dem antagonistischen Schutzmechanismus der Leugnung, Abwehr und des Aktionismus zwanghaft bedient.
Das Festhalten an überholten Handlungsweisen ist Ausdruck eines Wiederholungszwangs, nicht weil es Erfolg bringt, sondern weil es vertraut ist.
Ergo: Systeme, Parteien, Autokraten wiederholen ihre Fehler, weil Abweichung psychisch bedrohlicher ist als Scheitern, weil Denkformen einen Erwartungsdruck zur Handlung erzwingen, die nicht unbedingt die Wirklichkeit gestaltet, sondern vielmehr Machtverhältnisse gegen die Evidenz des Lebens stabilisieren!
„Psychopolitisch“ wäre das „Nicht-Handeln“ der eigentliche Skandal! Denn Innehalten würde bedeuten: Die KRÄNKUNG zuzulassen, Schmerz anzuschauen, Schuld nicht durch sofortigen Aktionismus abzuarbeiten und dass „Über-Ich“ somit zu entmachten!
Frau Brotbeck hielt inne nach der Flut ihrer Gedanken und fragte sich selbst, ob kränkende Elemente aus der Kindheit des Öfteren Anlass für projizierte Aggression gewesen sein könnte, doch dies besprach sie bei Tee und Gebäck mit ihrer engsten Freundin, Frau Dr. Sigrun Freude.
*”Eiserne Vorhang”: Politisches Schlagwort, geprägt durch Winston Churchill 1946. Physische und ideologische Grenze, die Europa während des kalten Krieges in einen kommunistischen Osten und einen demokratischen Westen teilte. Prominenteste und bekannteste Symbol des “Eisernen Vorhangs” war die “Berliner Mauer”!
*Über-Ich : Sinnbildlich für moralisches Gewissen und internalisierte Werte welche als eine Art “Richter” oder “Zensor” fungieren und das triebhafte “Es” und die Realität des “Ichs” kontrollieren, indem es Verbote ausspricht und Ideale vorgibt, was zu inneren Konflikten führt, wenn Bedürfnisse auf moralische Normen treffen. (Google)
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